scheibster.de - Bekenntnisse eines Raketenwissenschaftlers
signalfeuer.

2008-01-31

Aus dem Leben eines Raketenwissenschaftlers, Teil XXIII

Im Gegensatz zu letztem Jahr habe ich dieses Jahr mitgedacht. Jawoll. Weil heute Weiberfastnacht war, habe ich ein Krawattenmodell aus den Tiefen meines Raumanzugspindes geholt, dass ich wegen des toten Winkels unterhalb meines Kinns glücklicherweise (und ganz im Gegensatz zu meinen Raketenwissenschaftlerkollegen) nicht den ganzen Tag im Blickfeld hatte. "Augenkrebs Alaaf" hätte ich gerne gerufen und dabei ein paar Bonbons - Verzeihung - Kamelle in die Runde geworfen, aber ich konnte mich gerade noch so zurückhalten.*

Und es kam, wie es kommen musste: Genau die Raketenwissenschaftlerkollegin, von der ich glaubte, dass sie Jagd auf die Raketenwissenschaftlerkrawatten machen würde, erlegte die optische Frechheit, die ich mir um meinen Hals geschnürt hatte. Beim Anblick der von hinter meinem Rücken wie aus dem Nichts auftauchenden Schere glaubte ich zunächst noch an einen heimtückischen Mordversuch, ergab mich jedoch nach kurzer Gegenwehr meinem Schicksal.


Noch im Schockzustand: Raketenlabor, 18 Uhr 15. Die Frisur hält, die Krawatte nicht.

Mein Raketenwissenschaftlerkollege Dr. Edelstein hat es ein wenig schlauer gemacht: Zum einen hatte er schon mal gar keine Krawatte angezogen und sich zudem kurz nach der Mittagspause mit einem leidenschaftlichen "Wer ist eigentlich dieser Köln?" Richtung Düsseldorf verzogen, um dort zünftig Weiberkarneval zu feiern.

Auf dieses Ereignis muss er sich schon seit einigen Tagen mental vorbereitet haben. Ansonsten hätte er auch nicht mit seinem messerscharfen Verstand unten gezeigtes Objekt als Känguruhkrawatte enttarnen können, während jeder andere noch glaubte, es handele sich um eine Zebraserviette.



Und wer dem Dr. Edelstein jetzt einfach nur Wortfindungsstörungen unterstellt, ist ein alter Spielverderber.

Jawoll.

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*Ganz richtig, ich bin immer noch Faschingsmuffel. Und Karneval mag ich auch nicht. Dass ich mittlerweile von dem Faschingsverein, für dessen Show- und Männerballett ich Musik schneide und bei deren Programm sogar ich mich köstlich amüsiere, einen Orden bekommen habe, sollte ich meiner Glaubwürdigkeit zuliebe eigentlich verschweigen. Was soll's.

2008-01-24

Böse Börse

Wer derzeit mit einem Teil seines Vermögens am Aktienmarkt investiert ist, erlebt täglich ein Wechselbad der Gefühle.

Um zu verstehen, was dort eigentlich passiert, muss man eine ganze Menge Erfahrung haben, besonders schlau sein, oder auch beides. Ersatzweise kann man sich auch folgenden genialen Sketch von John Bird und John Fortune anschauen, in dem die beiden auch als "The Long Johns" bekannten Komiker mit gut recherchierten Zitaten und beißendem Zynismus die Marktmechanismen und die Subprime-Krise auf die Schippe nehmen.


"And that's what we call market sentiment." Acht Minuten, die keiner bereuen wird.

2008-01-23

Aus dem Leben eines Raketenwissenschaftlers, Teil XXII

Auch für einen Raketenwissenschaftler ist heutzutage funktionierende Informationstechnologie Grundvoraussetzung dafür, Raketen zu erforschen oder gar zum Fliegen zu bringen.

Da die wissenschaftliche Arbeit sehr hohen Stellenwert genießt, darf die Raketenwissenschaftlerzeit selbstverständlich nicht mit Herumfriemeln am Raketenwissenschaftlerforschungslaptop vergeudet werden. Das machen dann solche, sie sich vermeintlich damit auskennen.

Früher hieß die Firma, an die mein Raketenlabor* die Hard- und Softwareschrauberei ausgelagert hat, anders als heute. Der Name wurde von meinen Raketenwissenschaftlerkollegen auch gerne und liebevoll mit "Service ist nicht unsere Sache"** interpretiert.

Diese Interpretation war wohl in gewissem Maße zutreffend, denn vor nicht allzu langer Zeit wurde eben jene Firma von einer anderen gekauft.*** In diesem Zuge wurde auch der Name geändert: Der neue Euphemismus lautet nun "SupportPlus", und schon beim Betrachten der Telefon-Hotline-Nummer wird deutlich, wo der geneigte und früher oder später verzweifelte Anrufer landen wird.


IT-Support vom Fürst der Finsternis persönlich.

Dass es beispielsweise nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit ist,**** neue Software mit Hilfe eines von der Intranetseite des IT-Supports heruntergeladenen, ausgedruckten, ausgefüllten, doppelt unterschriebenen und einfach legalisierten und anschließend an den IT-Support per Post (!) versandten Antragsformular an die endanwendenden Raketenwissenschaftler zuzuweisen, ist eben jenen spätestens beim zweiten Male gleich, vorausgesetzt, es funktioniert wenigstens irgendwann und irgendwie.

Ich muss aber anerkennen, dass die Erfahrungen mit "SupportPlus" überaus förderlich für Demut und Bescheidenheit sind: Werte, die meines Erachtens in der schnelllebigen und profitorientierten Gesellschaft der Gegenwart einen viel zu stiefmütterlich behandelten Stellenwert eingenommen haben.

Und wer jetzt glaubt, dass ich unbedingt Administratorrechte auf meinem Raketenwissenschaftlerforschungslaptop haben möchte, der hat Recht. Und zwar ganz schön dolle.

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*Oder wenigstens eine Hälfte meines Raketenlabors.

**Wer damit nichts anfangen kann, schätze sich glücklich. Ehrlich.

***Und die Götter alleine wissen, warum eine andere Firma das hätte tun wollen. Ganz ehrlich. Nun, vielleicht wegen der offenbar höchst gleichmütigen Kunden.

****Seit Jahren eigentlich schon nicht mehr, jedenfalls in einem Raketenlabor von der Größe dessen, in dem ich werktäglich forsche.

2008-01-15

Lyrische Intermission

Wer hier glaubt, ich sei verschollen,
der hat damit gänzlich Recht.
Ich würde gerne schreiben wollen mögen,
doch die Zeit dafür ist ziemlich schlecht übel.

Auch würd' ich gern' mal wieder lesen,
was ihr da draußen von euch gebt,
doch zu meines Leides Wesen Peches Vollkommenheit
mein Chef mir an den Sohlen klebt ständig neue Forschungsauträge aufdrückt*.

Drum hofft mit mir auf bess're Zeiten,
mit mehr Muße und Ideen,
dann werde ich euch Freud' bereiten hoffentlich weiterhin nicht verschrecken,
und ihr wieder mehr von mir seh'n hör'n.

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*Nicht ganz zu Unrecht, schließlich forsche ich ja auch für ihn.

2008-01-08

Kidnapping Eugen (5)

"Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er spricht", sagte Eugen zu dem Mädchen mit dem Tonkrug.

"Macht nichts", sagte das Mädchen. "Serben bringen Glück."

Eugen stieß leidenschaftlich den Brunftschrei eines lappländischen Rentieres aus. "Man soll immer aufröhren, wenn man am schönsten ist", fügte er hinzu.

"Reden ist Silber, Schreien ist Gold", erwiderte das Mädchen.

"Ganz recht, und der Spatz an der Wand ist besser als der Taube vom Bach", säuselte Eugen das Mädchen mit dem Tonkrug an.

"Komm' jetzt, Eugen, wir müssen weiter", rief Manni dem vor sich hin fabulierenden Eugen zu.

"Ach, Eugen", seufzte der sprechende Tonkrug.

2008-01-07

Tanze für mich, dicker Koch

Gerade, als ich die ziemlich attraktive junge Dame an der Bar auf einen alkoholhaltiges Getränk einladen wollte, trat Alfonso, der dicke Koch, aus der Küche und hinter die Theke. Alfonso, der dicke Koch, stahl damit nicht nur mir die Aufmerksamkeit der ziemlich attraktiven jungen Dame, sondern auch allen anderen Anwesenden mit seinen überfunktionalen Schweißdrüsen die Luft zum Atmen.*

Mit androstenongeschwängerter Stimme hauchte die ziemlich attraktive junge Dame ein "Tanze für mich, dicker Koch!" in sein ziemlich behaartes Ohr. Alfonso, der dicke Koch, warf nach einer gefühlten Äone Blick und Arme in den von der Raumdecke verborgenen Nachthimmel und tänzelte wie ein junger Gott von hinter der Theke in die Küche, und von der Küche mit einem hölzernen Kochlöffel zwischen den Zähnen vor die Theke, um die ziemlich attraktive junge Dame in seinem vielfach erprobten Tangowürgegriff dahinschmelzen zu lassen.

Noch während Alfonso, der dicke Koch und die ziemlich attraktive junge Dame Arm in Arm in einen ziemlich verschwitzten Feierabend entschwebten, rief ich den beiden ein "Pah, Tangowürgegriff!" hinterher. Dass ich einen Elefanten noch viel besser zeichnen konnte als Alfonso, der dicke Koch, behielt ich für mich.

"Zeichnest du einen Elefanten für mich?" fragte Harry, der Barmann und zwinkerte mir zu.

"Na gut", sagte ich und zeichnete ihm den zweitbesten Elefanten, der jemals von Menschenhand gezeichnet wurde, auf eine nur halb durchweichte Serviette.

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*Nun, wenigstens den angenehmen Teil der Luft.