scheibster.de - Bekenntnisse eines Raketenwissenschaftlers
signalfeuer.

2007-04-14

These boots are made for...

Es ist eines der großen Mysterien der Menschheit.*

Neulich auf dem Weg zum (leider spackenverseuchten) Genuss von "300" sahen Leif und ich einen einzelnen Schuh am Straßenrand liegen. Wir wunderten uns beide, denn ein solches Bild bietet sich dem aufmerksamen Betrachter nicht selten.

Wie in aller Welt kommt es dazu, dass jemand einen einzelnen Schuh am Wegesrand verliert und ihn nicht wieder aufsammelt?

Die einfachste und zugleich langweiligste Erklärung ist die, dass der Besitzer sturzbetrunken** durch die Gegend fiel, den Schuh dabei verlor und am nächsten Tag nicht mehr seinen Namen kannte, geschweige denn den Aufenthaltsort aller Kleidungsstücke der Garderobe des Vorabends.

Allerdings sehe ich viel seltener betrunkene Menschen am Wegesrand herumfallen als einsame Schuhe an eben jenem herumliegen. Es muss also noch weitere Gründe geben.


Nicht gerade am Wegesrand, aber trotzdem alleine

Wenn zum Beispiel das kleine Peterle beim Spielen an Papas Gartenteich von einem aus dem Terrarium des Nachbarn entflohenen und sehr hungrigen Keilkopf-Glattstirnkaiman ein Bein abgebissen bekommt, dann könnte ich mir vorstellen, dass das kleine Peterle irgendwann feststellt, dass es den zweiten Schuh gar nicht mehr braucht. Und zwar jeden zweiten seiner Schuhe.

Frustriert von dieser Erkenntnis und von vielen Berufszweigen nun ausgeschlossen, könnte das kleine Peterle sich an den Straßenrand stellen, den zweiten Schuh durch die Luft wirbeln lassen und so tun, als ob ihn der nächste Vorbeifahrende angefahren hätte. Es würde weinen, mit der Polizei drohen und schließlich Geld erpressen.*** Wenn der Schwindel aber auffliegt, so hat ein einbeiniges kleines Peterle sicher Besseres zu tun, als vor seiner ohnehin schwierigen Flucht noch den zweiten Schuh aufzuheben.

Und wenn jetzt jemand denkt, dieses Szenario sei aber ganz schön absurd, dann kann ich demjenigen nur nahelegen, sich probeweise ein Bein abbeißen zu lassen und dann zu versuchen, einen Job zu finden. Oder gar einen einzelnen Schuh im Schuhgeschäft zu kaufen.

Eine weitaus naheliegendere Theorie ist eng verbunden mit dem Problem sockenfressender Waschmaschinen. Wenn ich zwei Socken habe, und einer wird von der Waschmaschine vernichtet, dann habe ich ein Problem: Schuhe**** zieht man nur mit Socken an - wegen des sonst unvermeidlich auftretendenden Fußschweißgeruchs. Habe ich also beispielsweise nur noch einen rechten Socken, so kann ich meinen linken Schuh getrost wegwerfen, womöglich noch irgendwo am Wegesrand, auf dass sich jemand darüber wundert.*****

Wem das noch nicht reicht, dem gebe ich noch eine weitere Erklärung: Kürzlich habe ich ein passendes Gegenstück zu dem einsamen verlorenen Stiefel von weiter oben entdeckt. Die ganzen herumliegenden Schuhe sind mit aller Wahrscheinlichkeit nämlich ein riesiges Memory-Spiel von gelangweilten Göttern. Götter, an die kein Mensch mehr glaubt. Wie der Gott des Schuhe-verkehrt-herum-Tragens, oder der Es-gibt-passende-Schuhe-im-Schlussverkauf-Gott.


Unweit des anderen Stiefels taucht plötzlich dieser zweite auf. Verdächtig. Sehr verdächtig.

Die letzte (und wirklich allerletzte) Deutung dieses kosmischen Rätsels liefert das Auftauchen des zweiten Stiefels ebenfalls: Einige Schuhe besitzen ein Eigenleben. Dem Drang nach Selbstverwirklichung folgend, trennen sie sich von ihrem rechten bzw. linken Partner, um die Welt zu erkunden.

- Was macht ein einsamer Stiefel wie du an diesem Ort?

- Ich suche Listi. Den linken Stiefel. Mein Gegenstück.

- Ich glaube, den habe ich auf den Gleisen gesehen. Er murmelte etwas wie "Um eine Fußesbreite hätte ich den verdammten Zug erwischt. So 'ne Kacke aber auch."

- Dann richte ihm einen schönen Gruß aus, wenn du ihn das nächste mal siehst. Sag' ihm, seine Resti habe ihm vergeben und sei auf dem Weg, ihn abzuholen.


Wenn ihr noch andere Ideen habt, die dieses Mysterium entschlüsseln, lasst es mich wissen. Ich bin gespannt. Und wenn ihr mal einen Schuh verlieren solltet: Sammelt ihn bitte wieder auf. Oder legt den zweiten dazu. Danke.

__________________
* Seit der Erfindung der Schuhe.

** Oder in anderer Art und Weise von Drogen berauscht.

*** Natürlich unter Benutzung des zweiten mit Hackfleisch, Kunstblut oder Kirschmarmelade versehenen Schuhs.

**** Natürlich keine Badelatschen oder Sandalen.

***** Keine Waschmaschine wird mich jemals zu Fußschweißgeruch treiben. Jawoll.

Kommentare:

MacLeod hat gesagt…

Da mir keine Geschichte dazu einfäält, mal was aus der Lebenserfahrung: Da der erst auf Gleisen liegt, der andere ja einige Meter weiter, würde ich auf die nicht aufgefundenen Reste einer sogenannten "Hundert-Meter-Leiche" tippen also ein vom Zug Überrollter. Und bevor Mißverständnisse entstehen: Es muß weder Blut noch sonstiges an den Schuhen kleben...oder hast du mal im Schuh nachgesehen???

Frau Vivaldi hat gesagt…

Schön, dass Ihre Pause vorüber ist! Eine schöne Geschichte haben Sie da geschrieben.. macht etwas melancholisch. Über den Verbleib der Socken in der Waschmaschine wurde ja schon viel geschrieben - aber der einsame Schuh am Wegesrand wurde doch arg vernachlässigt. Diese Lücke haben Sie nun endlich gefüllt - herzlichen Dank!

Scheibster hat gesagt…

@MacLeod: Nein, da wurde niemand vom Zug überrollt, es sei denn, derjenige wurde vorher schon komplett von einem Vampir ausgesaugt. Es muss eine andere Erklärung geben...

@Fru Vivaldi: Freut mich, dass es Ihnen gefällt, FrauVau. :-)

Oles wirre Welt hat gesagt…

Wahrscheinlich war ein Bauer mit Gummistiefeln paragliden und hatte die Stiefel nicht fest genug an Füßen? :)

wurzelsepp hat gesagt…

*plop* machte es und der Gott des Schuhe-verkehrt-herum-Tragens schaute sich unentschlossen um. er konnte sich nicht daran erinnern wo er noch vor ein paar sekunden gewesen ist oder ob er überhaupt gewesen ist. nun saß er am tisch mit Offler und dem Blinden Io...
oder so ähnlich.
du weisst, scheibster, man muss aufpassen welche götter man anruft sonst könnte es passieren, daß sie tatsächlich anfangen zu existieren :)

Erdge Schoss hat gesagt…

Werter Herr Scheibster, die Erklärung mit dem Peterle ist eindeutig die plausibelste. Außerdem kommen dabei ein Tier vor, und das ist immer gut.
Ihr Erdge Schoss

Erdge Schoss hat gesagt…

kommt ein Tier ... (das Alter eben)

PropheT hat gesagt…

Um meinen Fahrlehrer zu zitieren: Du denkst zu viel!
(und ich wette den schuh haben ausserirdische da abgestellt!!!)

Mephistascripts hat gesagt…

Ich bin schwer für das Memoryspiel der ignorierten Götter. Genau so wird das sein, wobei die Götter statt der Schuhe bestimmt auch gerne mal alles mögliche wild auf der Welt verteilen. Gefällt mir sehr gut, das Ganze.

Scheibster hat gesagt…

@Ole: Wäre das Land hier nicht so flach, könnten Bauern bestimmt auch paragliden, ohne an den Oberleitungen der Bahn ihr Gummistiefel zu verlieren.

@Wurzelsepp: Ich muss zugeben, dass ich ähnlich pratchettesk dachte bei dieser Passage. Ich bin gespannt, ob er Offler beim Würfeln besiegen kann. :-)

@Erdge Schoss: Werter Herr Schoss, da sind wir uns einig. Und das Tier wird dabei gut auch noch behandelt.

@PropheT: Ja, das ist manchmal echt problemtisch.

@Mepistascripts: Danke, liebe Meph. Möglicherweise ist dieses Schuhrätsel nur eine große Metapher für das menschliche Dasein und die Suche nach zwischenmenschlichen Gemeinsamkeiten.

Anonym hat gesagt…

Mir fällt dazu eine Geschichte oder ein Kriegsbericht von Ernest Hemingway ein. Ihm fiel nämlich auf, dass die Toten auf dem Schlachtfeld (entweder im 1. Weltkrieg oder Spanien '36ff, egal) ziemlich regelmäßig die Schuhe verlorengehen, und hat sich über diese "naturgeschichtliche" Tatsache höchlich verwundert...
Marcus

Scheibster hat gesagt…

Nun, ganz ehrlich, werter Herr Marcus: Wäre ich tot, wäre ich auch froh, weder Schuhe zu binden noch putzen zu müssen.

Es wäre eines der ersten Dinge, derer ich mich entledigen täte.

Auf der anderen Seite kann ich mir gut vorstellen, dass ich ein gutes Ziel abgebe, wenn ich mitten im auf dem Schlachtfeld nach meinem Schuh suche, den ich gerade eben verloren habe.

Aber jetzt weiß ich, dass der große Hemingway und ich einmal einen sehr ähnlichen Gedanken hatten. Danke! :-)