scheibster.de - Bekenntnisse eines Raketenwissenschaftlers
signalfeuer.

2006-12-31

Aus dem Urlaub eines Raketenwissenschaftlers, Teil III

Urlaub an und sich ist etwas Tolles. Da ich gerade ein paar freie Tage genießen durfte, erinnerte ich mich eines hier abgegebenen Versprechens bezüglich meines Urlaubsberichts. Es ist lange her, für mich subjektiv noch viel länger als für alle anderen, aber das ist egal.

Es mag anhand der ersten beiden Teile der Eindruck entstanden sein, dass der Aufenthalt auf Mallorca nicht so entspannend war, wie Urlaub es sein soll. Dieser Eindruck ist glücklicherweise im Großen und Ganzen falsch.

Zwar ließ das Essen im Hotel* gelegentlich zu Wünschen übrig, vor allem dann, wenn als Lasagne getarntes Hundefutter serviert wurde, aber es gab einige Restaurants, die wirklich gutes Essen servierten. Eines der besten fanden wir am Jachthafen von Cala D'Or. Leckerster Fisch mit klasse Vor- und Nachspeise, dazu einen Hauswein, der sich seiner selbst nicht schämen brauchte.

Über das (deutsche) Pärchen, das beim anschließenden Minigolf statt der üblichen sieben Schläge pro Spieler stets zehn bis zwanzig machte, trösteten wir uns mit Trockeneis verzierten und massig fruchtbestückten Cocktails von der Bar gegenüber. Nachdem man das Obst vernichtet hatte, sahen diese dank der vielen abstehenden Zahnstocher stets aus wie ein stiller Protest gegen die Abholzung des Regenwaldes. Politischer Protest durch Cocktailtrinken: Wie cool ist das denn?**

Apropos Jachthafen: Es muss trotz aller Armut und Steuern und Arbeitslosigkeit immer noch eine Menge Leute geben, die kaum Wissen, wie man Armut schreibt, geschweige denn wohin mit ihrem Geld.


Armut ist etwas, das anderen passiert...

Zwischen den bestimmt dreihundert Motorjachten, die in dem damit ausgefüllten kleinen Hafen lagen und von denen sicher keine billiger als eine halbe Million Euronen gewesen war, entdeckten meine Freundin und ich einen Platz für unsere Jacht. Wir fanden auch sehr schnell ein Boot, dass uns gefiel.


Schnittig. Sehr schnittig. Die Schlüssel steckten, aber der englische Besitzer wollte es uns partout nicht ausleihen. Pah!

Letztendlich entschieden wir uns aber für ein etwas kompakteres Modell, leicht günstiger in der Anschaffung, aber eigenes Aquarium inklusive. Das stach wenigstens aus dem superteuren Einheitsbrei heraus und war viel einfacher unterzubringen!


Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern...

Trotz der unzähligen Luxusboote (oder gerade deswegen) scharten sich in Cala D'Or schwarze Migranten. Ihren bootsgeflüchteten Brüdern von den Kanaren waren sie allerdings schon einige Schritte voraus: Die Frauen knüpften den Touri-Mädchen Rastas, und die Männer verkauften Sonnenbrillen, CDs und Armbanduhren, und zwar zu jeder Tageszeit und an jedem Ort. Dagegen sind die hiesigen "Bluma, gut Bluma"-Verkäufer echt unauffällig.

Noch einmal zurück zum Hotel***: Dass man auf Mallorca Pinsel statt Klobürsten hat, mag noch als einheimische Tradition gelten, aber dass die Wände im Hotel so dünn sind, dass man die Gäste des Nachbarzimmers nachts Atmen hört, erscheint mir eine seltsame Eigenart. Noch weitaus seltsamer erschien uns jedoch der Brauch der Einheimischen von gegenüber, morgens das nicht schallgedämpfte Moped zwischen 07:00 und 07:30 eine gefühlte halbe Stunde mit ca. 200 dB Geräuschkulisse warmlaufen zu lassen. Das machte offenbar auch den Kollegen des Einheimischen gegenüber wach, denn kurze Zeit später holte ihn der mit dem Auto zur Arbeit ab. Um sicherzustellen, dass man ihn auch hörte, drückte er einfach so oft auf die Hupe, bis der faule Sack seinen Hintern aus dem Haus bewegt hatte. Wenigstens arbeiteten die Einheimischen an den zwei Sonntagen, die wir da waren, nicht so früh.


Der Pool hinter dem Hotel. Die Ruhe ist trügerisch...

Der aus den genannten Umständen resultierende Schlafmangel musste irgendwo nachgeholt werden. Dafür bot sich der Pool hinter dem Hotel an. Doch trotz der Abwesenheit anderer deutscher Urlauber wurden die Liegen regelmäßig per Handtuch besetzt. Da soll noch einer sagen, unsere Freunde von der Insel seien nicht lernfähig.

Eine junge Person von eben jener Insel sorgte hingegen durch ihre Offenheit und Wissbegier für einen gewissen Enstpannungsgrad. Lucy hieß die Kleine, und fragte nach allem, was sie nicht kannte mit einem leicht gelispeltem "What'f dad?" Mobiltelefone, die auch noch Musik machen konnten, waren ebenso auf der Hitliste wie unsere bunten "Phase 10"-Würfel.**** Der einfache dazugehörige Bleistift und der Spielblock animierten Lucy zu vielfachen "Daddy"-, "Mommy"- und "Lucy"-Zeichnungen, von denen sie auch die von Papa herbeigeholten eigenen Malutensilien nicht abhalten konnten.


Faszination Schmuck älterer Damen: Sonnenschein Lucy.

Im Speisesaal konnte Lucy jedoch offen und lautstark zeigen, wenn sie etwas nicht wollte oder gerade keinen Hunger hatte. Wenigstens die Nerven der Eltern waren daran gewöhnt. Unsere auch irgendwann.

Da wir nicht jeden Tag mit Handtuchkrieg am Pool und Odysseen zu versteckten Stränden mit singenden Obstverkäufern und "Papa, und dann gehen wir ins Wasser pullern!" exklamierenden Kindern verbringen wollten, machten wir zwei Ausflüge des Reiseveranstalters mit. Der erste ging zum auf 750m Höhe gelegenen Kloster Sant Salvador und dem Wochenmarkt in Felanitx, wo es viel Material für meine hungrige Kamera gab.


Das Kloster San Salvador in luftiger Höhe...


...mit gigantischem Ausblick über die gesamte Insel.

Der Wochenmarkt in Felanitx war sicher nichts für Tierschützer. Hier werden auch Meerschweinchen verkauft. Wer als erster den Fehler im Bild unten findet, darf sich etwas wünschen.


"Was meinst Du mit 'Miau'?!"

Felanitx hat jedoch mit seiner Kirche Sant Miquel und seinen verwinkelten Sträßchen auch moralisch unbedenkliche Sehenswürdigkeiten zu bieten.


Sant Miquel in der Mittagssonne...


...und malerische Gässchen

Der zweite Ausflug in die Drachenhöhlen (Cuevas del Drach) begann zunächst mit einem kaffeefahrtähnlichen Halt in einer Kunstperlenfabrik. Wir protestierten auf unsere Weise und kauften lediglich eine kleine Flasche stilles Wasser, das wir zudem über eine Beschwerde über den ausschließlich geldfressenden Getränkeautomaten erkämpfen mussten.

Die Drachenhöhlen selbst, auch wenn man mit ein wenig Nachdruck hindurchgeschleust wurde, waren den Ausflug wert. Eine Tropfsteinhöhle, kunstvoll ausgeleuchtet, mit abschließendem klassischen Konzert - und Fotoverbot.


Die illuminierten Cuevas del Drach

Auf der Rückfahrt wies uns unser Reiseleiter darauf hin, dass Miguel, unser Busfahrer, heute sehr gut gefahren sei. Meiner Freundin und mir stellte sich spontan die Frage, ob er die schwungvoll durchfahrenen Serpentinen sonst einfach ignoriert und querfeldein über Abhänge und Anhöhen brettert. Ich fragte lieber nicht, zudem hätte Miguel uns mangels Deutschkenntnis nicht verstanden.

Abschließend sei der letzte kulinarische Höhepunkt des Urlaubs genannt, der sich beim Besuch bei Pizza Hut am Flughafen kurz vor unserem Heimflug ergab. Ich weiß nun, warum ich diesen Laden höchstens einmal im Jahr betrete. Das Gefühl davor ist Appetit und Hunger, das Gefühl danach wird am besten von dem beschrieben, was übrig bleibt.


Fettig? Ach was... Hauptsache Coke light!

So endete der Urlaub eines Raketenwissenschaftlers... Und so endet auch dieses Jahr. Euch allen einen guten Übergang nach 2007!

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*Die Ausweichmöglichkeiten waren mangels Kühlschrank leider begrenzt. Scheibenkäse hält sich bei 30°C übrigens nicht länger als ein Tag, bevor er sich selbst zum Blauschimmelträger adelt. Ebenfalls wissenswert: Die Supermarktkette Caprabo lässt in ihren Märkten deutsch vertonte Werbung laufen. Ich war ein wenig überrascht.

**Der ebenfalls in der Cocktailbar anwesende "Kegelclub Einsame Landfrauen e.V." machte allerdings jegliches politisch-elitäre Gefühl umgehend und mit alkoholgeschwängertem Gackern wieder zunichte.

***
Hotel Ses Puntetes in Cala D'Or, falls es jemand unbedingt ausprobieren oder meiden möchte.

****Auch am Strand zogen wir uns mit diesen Würfel mehrfach den Neid von Kindern zu.

2006-12-24

Frohe Weihnachten

Ganz banal, aber von Herzen:

Allen treuen und untreuen Lesern ein gesegnetes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins Neue Jahr!

Und bald gibt's auch mal wieder was Neues zu lesen. ;o)

2006-12-08

Viel Rauch um nichts

Die Europäische Union schreibt's vor. In meinen Augen eine gute Entscheidung, die sich positiv abhebt von der restlichen administrativen Gängelung, die gelegentlich aus Brüssel kommt.

Nichtraucherschutz in der Öffentlichkeit.

In vielen europäischen Ländern ist es bereits Gesetz, und die Bundesregierung hatte sich nach Ermahnung durch die EU dazu entschlossen, ein wenig Tätigkeit vorzutäuschen. In allen öffentlichen Gebäuden sollte nicht mehr geraucht werden dürfen, ebenso in Speisegaststätten und Restaurants. Erster Kompromiss: Bars und Kneipen sollte ein Verbot freigestellt werden. Trotzdem dachte ich zunächst: Halleluja, ein erster Schritt ist getan. Endlich Essen gehen können, ohne dabei gezwungen zu werden, den Qualm anderer ertragen. Und welch ein Segen für die armen Schweine, die in dem Dunst auch noch täglich arbeiten müssen und nunmehr ohne "Raucherzonen" leben dürften, eine Einschränkung, die genau so sinnbefreit ist wie eine pinkelfreie Zone in einem Schwimmbecken.

Und dann das.

Ein Rückzug. Geschickt den Ländern den Schwarzen Peter zugeschoben, vor den netten Herren der Tabaklobby den Schwanz eingezogen, die Einnahmen aus der Tabaksteuer zunächst gerettet, aber hoch offiziell wenigstens etwas unternommen.

Das finde ich gelinde gesagt zum Kotzen.

Ironischerweise sind gegen die ultragefährlichen Killerspiele in Windeseile Gesetzesvorschläge auf dem Tisch. Sand in die Augen des Volkes, Opium in seine Köpfe. Den Killerspielern fehlt die Lobby. Auch wenn ich mich wiederhole: Hunderte von Studien beweisen den langfristig schädlichen Effekt von Zigarettenrauch. Keine einzige Langzeitstudie beweist auch nur eine mittelfristig negative Wirkung von Videospielen.


Was man nicht so alles einatmen muss: Als Raucher stets freiwillig, als Nichtraucher nicht immer.

Was bleibt Otto-Normal-Nichtraucher in solchen Fällen? Nichts, außer für eine verbesserte Wahrnehmung der Gesundheits- und Lebensqualitätsschädigung zu kämpfen, die durch öffentlichen Tabakkonsum entsteht. Wichtig ist, dabei keine Gräben zu schaffen, schließlich sind Raucher keine schlechteren Menschen als Nichtraucher.

Über allem steht stets die Frage nach der Toleranz und dem Grund, warum sich die Nichtraucher nicht schon viel früher so massiv gewehrt haben, wie das heute der Fall ist. Ein liberaler Grundsatz besagt, dass die eigene Freiheit dort enden muss, wo sie die Freiheit anderer einschränkt. Ein weiterer logischer Gedanke ist, dass Rücksicht von demjenigen ausgehen sollte, der für Schädigung oder Belästigung in irgendeiner Form sorgt.

Aus eigener Erfahrung kann ich berichten, dass mir mit steigendem Alter Tabakrauch immer mehr auf die Nerven geht. Er nimmt mir die Luft zum Atmen, beißt in den Augen, bleibt an Körper und Kleidung hängen. Der Geruch ist mir zuwider und löst bei mir immer häufiger Aggression aus, obwohl ich ein gleichmütiger Mensch bin, oder das wenigstens glaube.*

Dass die Raucher selbst sich schädigen, in noch größerem Maße mit dem Geruch kontaminiert sind und dafür eine Menge Kohle ausgeben, zunächst ihre eigene, später auch die der Krankenkassen, ist mir einigermaßen gleich und geht mich nichts an. Ob es an zu wenigen Aschenbechern liegt, dass an vielen öffentlichen Orten, gerade Bahnhöfen, so viele Kippenstummel herumliegen, oder an der schlechten Erziehung einiger Raucher, sei dahingestellt.

Einige Menschen rauchen aus Genuss, andere aus Sucht. Gerade letztere hätten vom deutschen Staat ein wenig mehr Schutz als den aktuellen verdient. Traurig, aber wahr: Der Bund verdient Geld mit der Sucht des Volkes, um es den Krankenkassen zur Behandlung der Folgen wieder zuzschießen. Wenn etwas krank ist, dann das. Was spricht dagegen, daran etwas zu ändern? Alte, verkrustete Strukturen, gerne zu Kultur und Tradition verklärt? Das Geld der Lobbyisten, das unseren Politikern den harten Politikeralltag versüßt und Parteien den Wahlkampf finanziert? Einfache Fragen ohne Antworten.



Zudem gibt es Opfer, die sich gegen Rauch überhaupt nicht wehren können: Kinder. Ein Gesetz, das es Eltern verbietet, in Gegenwart ihrer Kinder zu rauchen, war bereits im Gespräch. Tolle Idee. Und wer bezahlt den Polizisten, der bei der Familie wohnt und das überwacht? Kreative Aufklärung ist hier gefragt, keine blinde Gesetzeswut ohne Realitätsbezug. Ich selbst kenne eine Sechsjährige, die von ihren Eltern tagtäglich zugequalmt wird. Sie ist nicht nur kleiner als die Kinder in ihrem Alter, sie hustet auch seit Jahren regelmäßig mit einer Inbrunst, die auf eine offene Lungen-TB schließen ließe. Einsicht bei den Eltern? Fehlanzeige.

Also, liebe Raucher und Nichtraucher, redet miteinander, sorgt für gegenseitiges Verständnis. Und bedenkt, liebe Raucher: Ihr fügt den anderen tatsächlichen Schaden zu, während die Nichtraucher euch nur vorübergehend nerven. Und gönnt euren Kindern eine rauchfreie Atmosphäre, bis sie alt genug sind, selbst zu wählen. Ihr schreit ihnen ja auch nicht ständig ins Ohr.

Hoffentlich.

Amen.

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*Einfaches Beispiel zu gesellschaftlicher Akzeptanz und Toleranz: Es macht mir Spaß, laut zu schreien, egal wann und wo. Ich gehe in eine Bar, schreie laut, schreie jedem ins Ohr, und finde es toll. Mein Aufenthalt in der Bar wird von kurzer Dauer sein, weil ich ziemlich vielen Leuten auf die Eier gehen werde, und das zu Recht. Keiner wird mir einen Tee bringen, wenn ich heiser bin.

Gehe ich aber in die Bar, ziehe mir ein halbes Päckchen Zigaretten rein, dessen Gift alle Anwesenden einfach ungefragt mitatmen und den Gestank ertragen müssen, wird mich keiner rauswerfen. Im Gegenteil, man wird meinen Aschenbecher leeren, wenn er voll ist, und mich fragen, ob ich noch einen Wunsch habe.

Und so leid es mir tut, das Argument, ich könne woanders hingehen, wenn ich den Rauch nicht ertrage, zieht nicht. Kann ich beim Mexikaner essen, ohne zu rauchen? Ja. Kann ich rauchen, ohne beim Mexikaner zu essen? Ja. Kann ich beim Mexikaner essen, ohne mitzurauchen, wenn geraucht wird? Nein.

2006-12-05

"I wait till 02:00, then I turn out the light"

Scheibsters Abenteuer in der Welt der Musik, vierter Akt. Der Markus hat sich das gewünscht, also beschimpft ihn. Ihr wisst inzwischen, worum es geht. Viel Spaß auf der Reise!

Phase Vier: Softe Mucke für harte Männer und die Unerreichbarkeit von Dexter Hollands Stimmlage

Vorab, bevor ich es wieder verdränge (und dafür habe ich eigentlich Jahre gebraucht):

Whigfield.



Erinnert sich einer? "Saturday night, dee-dee-dee-yah-dee-dee-yee-dee-daaaah..." Furchtbar. Und doch auf eine sehr eigene Weise ein Ohrwurm. Einer, dem man sich nicht entziehen konnte, wenn man im geliehenen Golf II GTI 16V mit den Kumpels zur Dorfdisco fuhr. Das passte dann einfach ins Bild. Darum stellte ich damals für eben jene Fahrten eine Dancefloor-Kassette zusammen, die auch ungefähr drei Wochen lang unregelmäßig im geliehenen Golf lief. Whigfield war drauf, und auch so tolle Sachen wie "Eins, zwei, Polizei" von Modo. Ich bin heute noch dankbar, dass mich aus dem Olymp der Rock-Götter dafür nie verdientermaßen ein Blitz getroffen hat. Oder zwei.

Zum Glück nahte bald die Erlösung in Form von Offsprings "Smash". Ein Album, dessen überaus erfolgreiche Singleauskopplung "Self Esteem" der Band den Durchbruch bringt, nach Seattle klingt und der zu Recht Hit jeder Abi-Party wird.*



Neben der richtigen Getränkeauswahl waren wie bei eigentlich jeder Party die Musik ein entscheidender Faktor bei Abi-Parties. Es musste etwas sein, zu dem man gemeinsam Singen, Gröhlen, rumspringen und überhaupt sie Sau rauslassen konnte. Das kongeniale "Killing In The Name" von Rage Against The Machine stand dabei ähnlich hoch im Kurs wie das leidenschaftlich rockige "Like The Way I Do" von Melissa Etheridge oder "Body Count" von Body Count. Letztere drei hatte ich bereits bei diversen donnerstäglichen "Fun Usingen"-Ausflügen** kennengelernt, drum konnte ich auch prima mitsingen mitgröhlen.

Zum Abi-Endpsurt kam 1995 noch eine weitere Mitgröhlhymne dazu, und zwar von einer Band, die 1993 ihre Wiedervereinigung gefeiert hatte. "Schrei nach Liebe" aus jenem Jahr (und dem Album "Die Bestie in Menschengestalt") war ebenso beliebte Partymunition wie der "Schunder-Song" aus der neuen "Planet Punk". Die Ärzte (und wohl vor allem Farin U.) hatten damit ein Lied geschroben, das einfach jeden ansprach, der sich im Leben einmal als Underdog hatte fühlen müssen. Herrlich. Ganz davon abgesehen, dass das gute alte "Westerland" damals wie heute irgendwann auf jeder guten Party läuft.

Warum eigentlich immer nur Die Ärzte? Ja, es gibt noch andere deutsche Bands. Die Toten Hosen zum Beispiel. Es heißt, Fans beider Bands zu sein, würde sich gegenseitig ausschließen. Nun, "Hier kommt Alex" und "Mehr" zählen definitiv zu meinen Lieblingsstücken. Trotzdem waren die Ärzte auf einem anderen Niveau frech und politisch als die Hosen. Die Dimple Minds waren sicher ein lustiger Ausflug in Richtung linksorientierter Proll-Musik, aber es blieb bei eben diesem Ausflug. Und "Böhse Onkelz" habe ich auch einen Weile gehört, bis sie mir schließlich zu häufig mit der mir bis heute unsympatischen rechten Szene in Verbindung gebracht wurden. Und die Musik selbst war nicht fesselnd genug, um mich bei der Stange zu halten.

Nachdem die letzte eigene Abi-Party gefeiert war, hieß es: Auf zum Dienst am Vaterland!*** Und wer glaubt, dass nur harte Männer Soldaten werden, dem sei verraten, dass die restlichen drei Kameraden auf meine Stube sehr begeistert von meinen Soft Rock-Kassetten waren. Nicht selten liefen sie auf meinem mitgebrachten Kassettenrekorder zum Einschlafen und boten so eine willkommene Abwechslung zum rauheren Umgangston des Tages. Richard Marx "Angelia"**** oder R.E.M. "Everybody Hurts" singen zu hören war schöner als das allmorgendliche "Drrritter Zuuuug! Auuuufsteeeehn!"

Schöner war es auch noch zu Abi-Zeiten als einer ausgesuchten Fans den Proben der Garagenband "Anaesthetic" beiwohnen zu dürfen. Im Keller des Gitarristen Christopher gab es schöne laute Musik und außerdem noch Bier. Das war super. Oder war ich doch wegen der hübschen Groupies Ines, Heike und Andrea da? Oder weil ich gelegentlich AC/DC singen durfte, weil ich die Stimmlage von Brian Johnson hinbekam? Die Rocker sind mittlerweile allesamt zu braven Familienmenschen mutiert, aber das signierte DIN A4-Kopier-Plakat, auf dem kaum mehr war als der Bandname, habe ich immer noch irgendwo.

Noch während meines Wehrdienstes passierte etwas, von dem ich jahrelang geträumt hatte. Im Radio***** wurde mit der Singleauskopplung "Heaven For Everyone" das letzte "echte" Queen-Album "Made In Heaven" angekündigt - vier Jahre nach Freddies Tod. Eine gelungene Mischung aus neu abgemischten Solotiteln des Sängers, B-Seiten der Band und den letzten Vermächtnissen wartete auf mich, und "A Winter's Tale" war einfach eine wundervolle Begleitung für den romantisch sonnenaufgangserhellten, verschneiten Weg zur Dienststelle.

Dass es mehr geben musste als das, was in Radio und Discos lief, war mir irgendwann klar. Der Weg zu alternativen Hörgenüssen ebneten nach Faith No Mores "Angel Dust" vor allem zwei Filmsoundtracks: "The Crow" und "Natural Born Killers" hatten abgedreht geniale Begleitstücke und waren erfrischend anders als alles, was ich bis dato kannte. Etwa zu dieser Zeit gab es eine Kompilationsserie, die leider keine Fortsetzung außerhalb der Neunziger gefunden hat. "Crossing All Over" waren exzellente Zusammenstellungen, die alles zusammenfassten, was in der Punkrock-Metal-Rap-Crossover-Szene Rang und Namen hatte oder vielversprechend klang. Wer sie irgendwo günstig auf dem Wühltisch entdecken sollte, kann gedankenlos zuschlagen.

Kommerziell erfolgreich, aber fern vom Mainstream bewegten sich auch weezer, deren Album "Pinkerton" mir Mitazubi Björn 1996 zukommen ließ. Die Stücke waren eine gekonnte Mischung aus schräger Musik und eingängigen Harmonien, die Texte waren witzig, poetisch und frech. "Pinkerton" lief auch beim Fahrsicherheitstraining in Mamas Ford Fiesta und spornte mich so zu Bestleistungen an. "Pinkerton" verkaufte sich nicht so gut wie sein Vorgänger und produzierte auch keinen charttauglichen Hit, bleibt aber in meinen Augen das beste Album der Band - und ist auch das letzte in Originalbesetzung.

Auch konzerttechnisch war 1996 ein voller Erfolg: Im Mai waren AC/DC im Rahmen ihrer "Ballbreaker"-Tour mit Abrissbirne in der Frankfurter Festhalle. Ich bin am Anfang im Innenraum aufgrund der wellenartigen Bewegungen des Publikums fast totgetreten worden******, aber die Jungs haben alles gegeben. Auch wenn die Alben mittlerweile nichts Neues mehr bringen, live bleiben die Australier ein Erlebnis für sich.



Den gelungenen Abschluss des Musikjahres garantierte ein Geheimkonzert der Ärzte in der Frankfurter Batschkapp. Als "Diese Band aus Berlin (aus Berlin)" und für sage und schreibe 17,30 DM traten die Jungs auf und rockten den knallvollen Saal. Danke noch einmal an Mitazubi Björn, ohne den ich an diese Info nie gekommen wäre. Und Gratulation an jeden, der bis hierher noch mitgelesen hat.
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* Hat jemand schon mal ernsthaft versucht, "Self Esteem" in original Stimmlage und Lautstärke mitzusingen? Ich schon. Aber es blieb beim Versuch. Dexter Holland, Sänger von Offspring, vollbringt dabei Unmenschliches. Respekt.

**In diese Zeit fällt auch meine Grundausbildung in Sachen Classic Rock. "Since You Been Gone" von Rainbow und "My Sharona" von The Knack sind zwei Kandidaten, die mich heute noch unwillkürlich zum sofortigen Auf- und Herumspringen mit dazugehörigem Luftgitarrenspiel nötigen.

***Die Erlebnisse dieser Zeit haben definitiv ihren eigenen Beitrag verdient.

****So hieß übrigens eine Stewardess auf einem seiner Flüge. Er fand den Namen so faszinierend, dass er das Stück schrieb.

*****hr3 war dank Berglage auch in meiner Kaserne in Badisch-Sibirien zu empfangen.

******Wer sich nicht an seinen Nachbarn festhalten konnte, wäre gnadenlos überrannt worden. Vom Ende meiner Kräfte war ich nur etwa fünf Sekunden entfernt, als das Publikum sich endlich beruhigte. Schwein gehabt. Trotzdem: Tribüne ist für Weicheier.

2006-12-01

Warme Gedanken für kalte Zeiten

Nun, vielleicht sind es auch warme Gedanken für zukünftig warme Zeiten. Einige von euch werden es schon gesehen haben, aber ich fand es so witzig, dass ich es hier online stellen muss, mit einem ausdrücklichen Dank an den Autor.

Und mit einem völlig politisch unkorrekten: "Wie geil ist das denn?"



Schönes Wochenende!